• Anastasia | Mamigeflüster

Marina Putziger: Frau, Kämpferin und Mama

Aktualisiert: 9. Jan 2019

Ein Treffen mit der stärksten Frau, der ich jemals begegnet bin. Eine Frau, die zwar mit Nachnamen Putziger heißt, aber definitiv nicht putzig ist und schon gar nicht putziger als andere Frauen. Marina ist 36 Jahre alt, kommt aus der Nähe von Paderborn und ist Profi-Bodybuilderin. Sie hat es innerhalb von 19 Monaten vom Newcomer zum Profi Athleten geschafft und ist mehrfach amtierende deutsche Meisterin im Bodybuilding. 2017 kämpfte sie sich bereits bei der RTL-Show Ninja Warrior Germany über unsere Bildschirme.



Vor mir stehen 15 Kilogramm Muskelmasse, verteilt auf ein Körpergewicht von 63 Kilogramm. Ihr Spitzname: Muskelmonsta. Ihr Anblick? Löst in mir Respekt, Unsicherheit und Bewunderung aus. Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich eingeschüchtert. Da sind die vielen Muskeln bestimmt nicht so unschuldig dran.

Auf Begrüßung und Kennenlernen folgen Worte. Worte, die ich nicht erwartet hätte und auch nicht vergessen werde. Ja, wir reden natürlich über ihren Alltag, der neben Kind, Ehemann und Arbeit, vom Training gefüllt wird. Training heißt nicht nur einfach Gewichte heben, sondern Disziplin, Kampfgeist und ganz viel Stärke. Natürlich kann man sich denken, dass das Training mit einer Bodybuilderin anspruchsvoll und knallhart ist. Ich bin auch ehrlich gesagt erleichtert, dass sich ein gemeinsames Training mit Marina nicht ergeben hat. Muskelkater-Ahoi! Was Marina mir über ihr Training erzählt, übertrifft alle meine Erwartungen. Schon bei den Wörtern Lieblingsübung und Squats in einem Satz, heben sich meine Augenbrauen fragend in Richtung Haaransatz. Und dann noch das Gewicht und die Wiederholungen. Tja, da bleibt mir wirklich der Mund vor Staunen offen stehen. Marina führt saubere Squats mit 115 kg Langhantel, einem Satz und fünf Wiederholungen aus. Mit 60 kg schafft sie sogar 250 Wiederholungen. Und ich? Ich freue mich über ein paar lächerliche und wackelige Squats, ohne Gewicht. Also von meinen sportlichen Fähigkeiten braucht hier nicht die Rede sein…​


Die Frau ist einfach der Wahnsinn und hat etwas Besonderes an sich, etwas Überwältigendes und Einmaliges. Sie ist die stärkste Frau, die ich kenne. Dazu ist sie noch super freundlich, wirkt zufrieden und offen. Und bleibt bei meinem Know-how über professionelles Training, was wirklich gleich Null ist, total entspannt. Während des Gesprächs wird eins deutlich: Bodybuilding ist ihre Leidenschaft. Sie erzählt mir:

„Es ist mein Ventil und hält mich am Leben“.

Stopp! Am Leben halten? Das ist jetzt doch schon etwas übertrieben, oder nicht? Nein! Im Fall von Marina Putziger nicht. Bei ihr scheint nichts übertrieben. Nicht der Sport, nicht die Muskeln und auch nicht der Ehrgeiz. Hinter dieser muskulösen Fassade, dieser erfolgreichen Frau, steckt viel mehr. Eine unglaubliche Geschichte. Ein Schicksalsschlag, der so irreal scheint und trotzdem die Wahrheit ist. ​


Ich bin die Erste, die über diesen Teil aus Marinas Leben schreiben darf. Eine Fremde, die sie nicht kennt. Zwei Fremde, die sich nicht kennen. Ich darf Muskelberge und schwere Gewichte zur Seite schieben und die wahre Erfolgsgeschichte von Marina Putziger erzählen:


Einmal im Jahr befindet sich Marina in einem Raum, der definitiv kein Fitnessstudio ist. Sie wartet auf den Aufruf, dass sie Metallteile, Kleidung und Schuhe ablegen soll. Darauf folgt die Prozedur. Warten in einem MRT-Gerät. Der Lärm ist unerträglich. Marina fühlt sich jedes Mal, wie ausgekotzt. Erledigt. Fertig. Kilo schwere Gewichte machen Marina nicht platt, aber der jährliche Gang zum Kontrolltermin lässt sie schon Tage vorher nicht schlafen. Alpträume. Angstschweiß. Panik.​


Der 16.10.2010 verändert ihr Leben. Mutter von zwei kleinen Söhnen und in der 31. Schwangerschaftswoche mit ihrer Tochter. Alles scheint perfekt. Dann der Schock: Marina hat eine Hirnblutung. Ihre Tochter wurde vier Tage nach der Diagnose, mit nur 1690 Gramm per Kaiserschnitt entbunden. ​Erst ein Jahr später wird Marina von einem Spezialisten in Marburg operiert. Die Ärzte geben ihr noch acht Jahre.


Die Diagnose: Eine Halbseitenlähmung links und ein vollkommen anderes Leben.

Der Ratschlag: Marina soll sich einen Schwerbehindertenschein besorgen, arbeitsunfähig melden und die restliche Zeit mit ihren Kindern verbringen. ​


Das Schicksal selber in die Hand nehmen


Viele hätten diesen Rat befolgt, viele hätten die Hoffnung aufgegeben, sich vergraben, versteckt und das Schicksal akzeptiert. Aber wie bereits gesagt: Marina Putziger ist die stärkste Frau, die ich kenne. Der Grund ist nicht nur ihre körperliche Kraft, sondern vor allem ihre starke Persönlichkeit. Ihr Ehrgeiz. Ihr Wille. Ihr Kampfgeist. Marina hat selber Schicksal gespielt. Es in die Hand genommen: Ihr Schicksal sind Hantel & Co.​


Zwei Jahre nach dem Hirnschlag und bereits ein Jahr nach der Operation meldete sich Marina im Fitnessstudio an. Ihre Vision, ihre Hoffnung: Endlich wieder richtig laufen können und die linke Körperseite kontrollieren. Heute, grade mal fünf Jahre (Stand 2017) später (!), kann Marina weitaus mehr. Sie hebt Gewichte, besteht überwiegend aus Muskeln und ist eine erfolgreiche Bodybuilderin. Das Ziel vom normalen Laufen weitaus übertroffen. Der Erfolg kam nebenbei.


Mittlerweile nimmt Marina seit drei Jahren an Wettkämpfen für Bodybuilding teil und denkt noch lange nicht ans Aufhören. Insgesamt meistert sie acht Wettkämpfen in einer Saison und wird dieses Jahr auch das erste Mal im Herbst auf der Bühne stehen. Die Zukunft bringt bestimmt noch weitere Meisterschaften und Erfolge. Hut ab!​


Das Leben von Marina hat sich verändert. Es wird nie mehr wie vorher. Jeder Tag könnte ihr Letzter sein.

„Ich lebe mit geliehener Zeit, so fühlt es sich an. Gafft mich an, findet mich schön oder widerlich. Es ist mir egal. Denn dieser Körper ist meine Festung gegen den Tod.“

Das ist das Leben der stärksten Frau, die ich jetzt kenne.


Ergänzung: Diese Reportage habe ich im September 2017 geschrieben. Und in Gedanken an den heutigen achten Jahrestag von Marina möchte ich nocheinmal ihre Geschichte in die Welt tragen. Sie darf gerne geteilt werden und so allen anderen Müttern, Frauen, Kinder, Männern sowie Kranken und Gesunden Hoffnung schenken. Die Ärzte haben ihr im Jahr 2010 acht Jahre gegeben. Und jetzt haben wir 2018. Deshalb ist es ein ganz besonderes Jahr für Marina und ich verfolgte ihren Ehrgezeiz, Mut und Erfolg in diesem Jahr als stille Leserin über soziale Medien. Ich kann nur sagen, diese Frau gibt nicht auf und kämpft tapfer weiter. Hut ab, meine liebe Marina! Wenn ihr mehr über Marina erfahren wollt, schaut doch mal auf ihrer Seite vorbei.

© Anastasia Johlen


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