Sind Stoffwindeln wirklich nachhaltiger?

In Deutschland kommen jedes Jahr rund 700.000 Babys auf die Welt und fast alle werden mit Einweg- bzw. Wegwerfwindeln gewickelt. Im Durchschnitt werden in den ersten drei Jahren nach der Geburt 6.000 bis 7.000 Wegwerfwindeln genutzt. Grob überschlagen produziert ein Kind, bis es trocken ist, eine Tonne Windelmüll. So gehen 10 bis 20 Prozent des deutschen Restmüllaufkommens auf das Konto von Einwegwindeln. Puh, ist das nicht ganz schön erschreckend?


Täglich landen hierzulande 8 Millionen Windeln im Müll - pro Jahr sind es rund 3,6 Milliarden Einwegwindeln. Rund 3,6 MILLIARDEN – diese Zahl ist wirklich extrem. Doch nicht nur Windeln machen einen enormen Müllberg: Insgesamt haben wir in Deutschland ein ernstes Müllproblem.


Kein Wunder, dass Deutschland in der EU zu den top Abfallerzeugern gehört. Weniger Müll würde also insgesamt wirklich viel bringen und bewegen. Und wieso dann nicht beim Windelmüll anfangen.


Aber was genau sagen diese Zahlen aus?


Fest steht, dass es sich bei den Einwegwindeln um ein Wegwerfprodukt handelt. Einmal genutzt und ab damit in die Tonne. Mit einer Einmalwindel kann Müll nicht verhindert werden. Mit Stoffwindeln schon. Und genau das sagen die Zahlen aus. Einer der Gründe, wieso ich seit unserem zweiten Kind nur noch Stoffwindeln nutze.


Natürlich steht es außer Frage, dass für beide Windeln Ressourcen unserer Erde genutzt werden. Auch die Produktion von Stoffwindeln verbraucht Ressourcen, ebenso wie das Waschen. Doch wir Menschen benötigen für die allermeisten Dinge aus dem alltäglichen Leben die Reserven der Erde. Fest steht, umso weniger wir verbrauchen, desto besser ist das für unsere Umwelt, für unser Klima und am Ende natürlich für uns und unsere Kinder.

Mit Stoffwindeln erzeugst du im Gegensatz zu herkömmlichen Einwegwindeln deutlich weniger bis gar keinen Müll.



Studien sagen: Stoffwindeln sind nicht unbedingt ökologischer!


Kritische Stimmen werden beim Aspekt „Stoffwindeln waschen“ immer sehr laut, immerhin müssen Stoffwindeln ja in die Waschmaschine. Das ist doch mindestens genauso schlecht für die Umwelt, wie die Nutzung von Wegwerfwindeln, oder?


Nein, sehe ich nicht so. Immerhin gibt es keine Müllberge. Und diese Windel-Müllberge werden oftmals nicht einmal verbrannt, wie von vielen Menschen angenommen. Viele Wegwerfwindeln können schlichtweg gar nicht verbrannt werden, da sie Brandschutzmittel enthalten. Sie werden vergraben und brauchen rund 500 Jahre zum Verrotten – werden Einmalwindeln doch verbrannt, geben diese eine riesige Menge CO2 bei der Verbrennung ab.


Bewusster Umgang mit Stoffwindeln macht den Unterschied


Einige Studien kommen zu dem Fazit, dass die Ökobilanz von Stoff- und Einwegwindeln vergleichbar sei, weil der Energie- und Wasserverbrauch beim Waschen der Stoffwindeln mit der Herstellung von Einwegwindeln ähnlich wäre.


Doch der bewusste Umgang mit Stoffwindeln macht den Unterschied: den Trockner so wenig wie möglich nutzen und nur bei maximal 60 Grad waschen. Eine 90 Grad Wäsche ist in der Regel gar nicht nötig, da die modernen Stoffwindeln bereits bei maximal 60 Grad hygienisch sauber werden.


Wie viel Energie und Ressourcen sparen Stoffwindeln?


Ausschlaggebend, wie einsparend Stoffwindeln tatsächlich sind, ist vor allem dein Waschverhalten. Eine britische Studie „Eine aktualisierte Ökobilanzstudie für Einweg- und Mehrwegwindeln“ (englisch: "An updated lifecycle assessment study for disposable and reusable nappies") aus dem Jahr 2004 zeigt, dass Stoffwindeln nicht grundsätzlich weniger Treibhauseffekte erzeugen als Wegwerfwindeln, der entscheidende Unterschied ist:


Mit Stoffwindeln kannst du gezielt beeinflussen, wie viel Energie und Ressourcen du sparst.

Werden Stoffwindeln immer bei hohen Temperaturen von 90 °C gewaschen, ist der Energieverbrauch laut der Studie 75 % höher als mit Wegwerfwindeln. Da moderne Stoffwindeln in der Regel gar nicht so heiß gewaschen werden müssen, ist dieses Ergebnis eher irrelevant.


Kritik an der britischen Studie aus 2004


Die Studie sollte auch kritisch betrachtet werden, da diese ziemlich wenige Wegwerfwindeln und viele Stoffwindeln zur Studienuntersuchung herbeizieht. Zusätzlich gelten Kinder in der Studie nicht mehr als Windelkinder, wenn diese Training-Pants oder Nachtwindeln (Wegwerfprodukte) nutzen. Dabei nutzen diese Kinder doch weiterhin Wegwerfwindeln. Klingt für mich ziemlich paradox und nicht nachvollziehbar.


Menge der Windeln in der Studie


In der Studie wird für die ersten Lebensmonate mit 7 Wegwerfwindeln am Tag gerechnet, mit 2,5 Jahren sind es 5 Wegwerfwindeln. Bei Stoffwindeln sind es in den ersten Monaten 8 Windeln pro Tag und mit 2,5 Jahren 6 Stoffwindeln.


Fraglich, ob diese Zahlen tatsächlich auf die Realität übertragbar sind- bei uns stimmen die Zahlen überhaupt nicht, wir nutzen weniger. Weiterhin müssten für eine realistische Darstellung auch die unterschiedlichen Stoffwindelsysteme beachtet werden sowie die Menge an Stoffwindeln, die pro Waschmaschinenladung gewaschen wird.


Stoffwindeln müssen nicht zwingend alleine gewaschen werden, Handtücher können super zusammen mit Stoffies oder Einlagen in die Waschmaschine.



 

Stoffwindeln nachhaltig nutzen: Ökobilanz von Stoffwindeln verbessern


Wäschst du deine Stoffwindeln bzw. Einlagen bei 40 bis 60 Grad in der Waschmaschine und trocknest diese ausschließlich an der Luft, kannst du bis zu 40 Prozent Energie im Vergleich zu einer Wegwerfwindel einsparen. Ich persönlich trockne unsere Einlagen dennoch im Trockner, aber ich nutze den Trockner insgesamt so selten wie möglich.


Stoffwindeln bewusst & nachhaltig nutzen


  • Stoffwindeln so häufig wie möglich auf dem Wäscheständer oder an der Leine trocknen.

  • Stoffwindeln/ Einlagen nicht über 60 °C waschen.

  • Stoffwindeln weiterverkaufen oder für mehrere Kinder nutzen.

  • gebrauchte Stoffwindeln kaufen.

  • moderne und effiziente Waschmaschinen können ein Energieersparnis von 9 Prozent bringen.

  • Je weniger synthetische Fasern in den Stoffwindeln, desto weniger Mikroplastik kommt beim Waschen ins Abwasser.

Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2021 bestätigt, dass Stoffwindeln bei energieeffizientem Waschen nachhaltiger sind als Wegwerfwindeln.


Die Studie „Single-use nappies and their alternatives: Recommendations from Life Cycle Assessments“ ist zu dem Entschluss gekommen, dass Stoffwindeln eine geringere Umweltauswirkung haben als Einwegwindeln, wenn diese so gewaschen werden, dass der Wasserverbrauch minimiert wird.


Warum sind Wegwerfwindeln ökologisch problematisch?


Wie bereits erwähnt sind für Stoffwindeln und Einwegwindeln verschiedene Rohstoffe notwendig.


Bis ein Kind trocken ist, müssen für die Wegwerfwindeln rund vier bis sechs Bäume gefällt werden. Unabhängig davon, ob es sich bei den Windeln, um Wegwerfwindeln mit der Ergänzung „öko“ oder „eco“ handelt.


Zusätzlich produzieren Einwegwindeln Treibhausgase, das liegt insbesondere daran, weil sie im Wesentlichen aus erdölhaltigen Materialien bestehen. Besonders die Schritte nach Verwendung der Wegwerfwindeln sind fraglich: Windeln müssen verbrannt werden oder warten 500 Jahre auf die Verrottung. Bei der Menge an Windeln, die wir schon alleine in Deutschland täglich ansammeln, braucht man dafür auch einfach Platz, denn irgendwo müssen ja diese etlichen benutzten Wegwerfwindeln lagern...500 Jahre lang.


Und übrigens auch beim Verbrennen von Wegwerfwindeln, werden diese nicht vollständig aufgelöst. Ob verbrannt oder 500 Jahre Mülldeponie- beide Varianten sind umwelt- und gesundheitsschädlich.


Ich frage mich einfach, wieso Stoffwindeln so belächelt werden. Überall wird diskutiert, Müll zu vermeiden, Plastik einzusparen und nachhaltigere Alternativen aufzuzeigen: spricht man über Stoffwindeln im Jahre 2022, wird man immer noch schief angeschaut, als würde man etwas absolut Verrücktes machen.


Eine unbenutzte Wegwerfwindel wiegt im Durchschnitt 38,6 Gramm. Geht man von 5 Windeln am Tag, 7 Tage die Woche an 356 Tagen im Jahr aus, mit einer Wickeldauer von 2 bis 4 Jahren, sind das etwa 176 kg Windeln in 2,5 Jahren. Für die Herstellung von Wegwerfwindeln werden Kohle, Erdöl, Erdgas, fossiles Kohlenstoffdioxid und weitere Stoffe gebraucht (Quelle: genannte Studie von 2004).


Fazit: Stoffwindeln machen weniger Müll!


Fest steht, dass Windeln die Umwelt belasten, unabhängig davon, ob es sich um Wegwerf- oder Stoffwindeln handelt. Jedoch kannst du bei einer Mehrweg-Variante mit Stoffwindeln die Ökobilanz beeinflussen und verbessern, bei einer Wegwerfwindel ist das nicht möglich. Und mit Stoffwindeln machst du definitiv weniger bis keinen Müll.


Du musst dich gar nicht zwingend für eine Variante des Wickelns entscheiden: Auch, wenn du nur teilweise Wegwerfwindeln durch Stoffwindeln ersetzt, reduzierst du den Windelberg deines Kindes erheblich. Eine weitere Möglichkeit sind Windelfrei-Zeiten oder dein Baby abzuhalten.


Abschließend kann ich dir versichern, dass du mit Stoffwindeln weniger Müll produzierst. Weiterhin haben Stoffwindeln Vorteile für die Gesundheit, deinen Geldbeutel und die Bindung zwischen Eltern und Kind.











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